Interview | Das Hydrokultur-Anbausystem

Interview | Das Hydrokultur-Anbausystem

Dr. Heinz-Dieter Molitor war Wissenschaftler am Institut für urbanen Gartenbau und Zierpflanzenforschung sowie Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Wiesbaden. Während seiner aktiven Zeit war er mit Studien in Geisenheim sowie Fachbeiträgen in Publikationen und Seminarvorträgen maßgeblich an der Entwicklung der Hydrokultur in Deutschland beteiligt.

Worin liegt für Sie die Faszination in der Hydrokultur?

Vorab erscheint es mir sinnvoll, den Begriff der Hydrokultur in Zusammenhang mit der Raumbegrünung etwas genauer zu definieren. In diesem Fall steht der Begriff für das vor allem im deutschsprachigen europäischen Bereich bekannte „Pflanzenhaltungssystem Hydrokultur“. Kennzeichen ist die Verwendung von Blähton als Pflanzsubstrat in einer Anstauzone mit einem Wasserstandsanzeiger.
Als Pflanzenernährer hat mich bei der Hydrokultur fasziniert, dass sich das Nährstoffangebot vergleichsweise leicht bemessen und optimieren lässt. Störung durch Wechselwirkungen mit dem Substrat können weitgehend ausgeschlossen werden. Das Nährstoff- und Wasserangebot lässt sich einfach über die Messung der Nährlösung bestimmen, ebenso der pH-Wert und die Salzkonzentration. Vorbei die aufwendige Entnahme von Substrat- oder Bodenproben, das Extrahieren im Labor und die oft schwierige Interpretation der Messwerte. Wichtige Parameter lassen sich teilweise bereits vor Ort messen und zeitnah umsetzen. Die Sauerstoffversorgung ist zumindest außerhalb der Anstauzone stets optimal. Blähton ist herstellungsbedingt frei von Krankheitserregern. Bei Blähton als Pflanzsubstrat kommt noch hinzu, dass dieser strukturstabil ist, nicht verbraucht wird und selbst nach jahrelanger Nutzung wiederverwendet werden kann. Dies kann im Hinblick auf die verstärkt geforderte Nachhaltigkeit eines Produktes von entscheidendem Vorteil sein.

Was können Sie uns zur Entstehungsgeschichte der modernen Hydrokultur sagen?

Die Entwicklung des „Pflanzsystems Hydrokultur“ begann mit der Entdeckung des Blähtons als Substrat für die Kultur von Pflanzen. Der Schweizer Gerhard Baumann hatte 1959 diese Idee und entwickelte daraus das Luwasa-Hydrokultursystem. Systembestandteile waren ein wasserdichtes Gefäß, eine in Blähton angezogene Hydropflanze, ein spezieller Kulturtopf, Blähton als Substrat und eine Anstauzone mit Nährlösung, kontrolliert über einen Wasserstandsanzeiger. Die Ernährung der Pflanze erfolgte über Nährstoffbatterien mit dem von der Bayer AG entwickelten Langzeitdünger Lewatit HD5 auf Ionenaustauscherbasis. Dieses Grundprinzip wurde von Gartenbaubetrieben in Deutschland, der Schweiz und Österreich aufgegriffen und verbessert. Entscheidende Fortschritte wurden durch Normung der Systemkomponenten erzielt. Die Entwicklung wurde in den 1970er und 1980er Jahren zudem befördert, weil nahezu alle gartenbauliche Versuchseinrichtungen sich eingehend mit dem „Hydrokultur-System“ befassten. Im Vordergrund standen Fragen zur Anzucht von Hydropflanzen, zur Ernährung und Wasserqualität, der Anstauhöhe und zur Qualität des Blähtons, oder auch zum Pflanzenschutz. Dies trug wesentlich zur Einführung und Verbreitung im privaten Bereich und in der professionellen Raumbegrünung bei. Dabei überzeugte die vergleichsweise einfache und sichere Pflanzenpflege in Verbindung mit einer hochwertigen Ausstattung und ständigen Produktinnovationen. Diese Entwicklung kam in den 1990er Jahren zum Erliegen, als das „System Hydrokultur“ zu einer Massenware wurde. Heute ist das „Hydrokultursystem“ eine feste Größe in der professionellen Raumbegrünung, während der Einsatz im privaten Bereich nur noch vergleichsweise selten anzutreffen ist.

Was sind die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Hydrokultur?

Erste Voraussetzung ist die richtige Pflanzenwahl in Bezug auf Licht, Temperatur und Luftfeuchte. Das Vermeiden von Pflanzenarten, die als empfindlich für bestimmte Schadtiere bekannt sind, sowie strikte Beachtung vorbeugender Pflanzenschutzmaßnahmen tragen wesentlich zur Haltbarkeit einer Bepflanzung bei.
Eine weitere Voraussetzung für eine erfolgreiche Hydrokultur ist die Verwendung von Blähton der der RAL-Gütesicherung Substrate für Pflanzenbau unterliegt. Dadurch ist sichergestellt, dass die dort definierten physikalischen und chemischen Parameter eingehalten werden. Die Ernährung der Pflanzen muss zwingend auf die jeweilige Wasserqualität abgestimmt werden. Davon hängt entscheidend die Wahl der Düngerform, also ob Flüssigdünger, Ionenaustauscherdünger oder Basisdünger, ab. Als Düngemittel dürfen nur hochwertige Produkte eingesetzt werden, die insbesondere auch alle notwendigen Mikronährstoffe in stabiler Form und richtiger Relation zueinander enthalten. Die Höhe des Nährstoffangebotes orientiert sich daran, dass in der Raumbegrünung ein optimales Aussehen der Pflanzen bei mäßigem Zuwachs angestrebt wird. Es darf keine Kompromisse bei enthärtetem Leitungswasser geben, weil dieses als Gießwasser wegen des meist hohen Natriumgehaltes ungeeignet ist. Ein zu hoher Anstau der Nährlösung muss wegen der Gefahr von Sauerstoffmangel der Wurzeln im überstauten Bereich unbedingt vermieden werden. Begründete Ausnahmen können Standorte mit hoher Einstrahlung sein, bei denen ein schneller Verbrauch der Nährlösung erwartet werden kann. Ansonsten gilt in der „Hydrokultur“ das Prinzip, so wenig Anstau als möglich.

Wie ist der aktuelle Stand der Technik?

Für den Anwender steht ein breites Angebot an hochwertigen Gefäßen für jeden Wohnstil zur Verfügung. Die Innovation bei der Entwicklung neuer Gefäße ist in diesem Bereich hoch. Inzwischen konnten Verbesserungen bei den Kulturtöpfen durch zusätzlich angebrachte seitliche Schlitze im oberen Bereich der Töpfe erreicht werden.  Dadurch wird den Pflanzen das Herauswurzeln in die nicht angestaute Feuchtzone erleichtert.
Große Unsicherheit herrscht bei den Anwendern erfahrungsgemäß bei der Wahl des jeweils geeigneten Düngemittels und in diesem Zusammenhang die Berücksichtigung der Gießwasserqualität. Bezüglich der Qualität der in vergleichsweise großer Anzahl angebotenen Flüssigdünger muss mit teilweise großen Unterschieden gerechnet werden. Flüssigdünger werden wegen der einfachen Handhabung bevorzugt, obwohl sie in vielen Fällen wegen unzureichender Ca- und Mg-Gehalte des Gießwassers nicht angewendet werden dürften.

Welche Innovationen sind zukünftig noch vorstellbar?

Zukünftige Innovationen betreffen die Anzeige des Wasserstandes, ein verbessertes Design des Kulturtopfes und ein überzeugendes Konzept zur Wiederverwendung von gebrauchtem Blähton. Bei der Wasserstandsanzeige muss die irreführende Bezeichnung „Maximum“ entfallen. Die Anzeige sollte auf „Gießen“ und „Stopp“ beschränkt werden. Eine elektronische Anzeige des Wasserstandes über eine App direkt auf das Smartphone würde sicher viele Anwender begeistern. Weitere interessante Parameter wie beispielsweise pHWert, Temperatur und Leitfähigkeit der Nährlösung, könnten folgen. Im Hinblick auf die Haltbarkeit einer Pflanzung ließen sich entscheidende Verbesserungen bei der Sauerstoffversorgung im Anstaubereich durch das Einstellen von niedrigen Wasserständen erreichen. Bisherigen Entwicklungen blieb der Durchbruch am Markt jedoch verwehrt. Ziel beim Design der Kulturtöpfe muss es sein das Herauswurzeln aus dem Topf in den nicht überstauten Feuchtbereich zu erleichtern. Optimal wäre ein Kulturtopf der sich in dem betreffenden Bereich mit der Zeit auflöst.
Im Sinne der Nachhaltigkeit sollte ein überzeugendes Konzept zum Recycling von gebrauchtem Blähton entwickelt werden. Bekanntlich ist der Blähton selbst nach langjähriger Nutzung nicht verbraucht und viel zu schade zum Wegwerfen. Nach Reinigung sollte er sich unmittelbar wieder für die Hydrokultur oder für andere Anwendungen einsetzen lassen. Dies wäre ein unbestreitbarer Vorteil gegenüber allen anderen Substraten, auch solchen auf organischer Basis

 

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